***
Am Ende sieht Léa von Ronval eine alte, atemlose Frau im Spiegel, die ihre eigenen Bewegungen ausführt: Das ist, wie sie weiß, sie selbst, wenngleich sie sich fragt, "was sie mit dieser verrückten Kreatur zu tun haben könnte". Chéri ist ein Roman über Selbstbilder, aber mit einem Twist. Ein Roman darüber, wie Léa von Ronval, die nicht mehr ganz junge Frau (sie ist um die fünfzig), sich durch die Liebe und Beziehung zu einem jungen Mann einen Spiegel schafft, in dem sie sich bewundern kann. Und wichtiger noch: Weil in seinem Blick ihr Selbstbild und das Bild, das die Gesellschaft sich von ihr macht, zur Deckung kommen, ist wahr, was Léa imaginiert: Sie ist noch begehrenswert, sie ist noch nicht alt.
Chéri ist kein Roman über die im Titel genannte Figur, den jungen Mann. Mit ihm hat Léa ein Verhältnis, lange Jahre, und es irritiert ihn wenig, dass sie seine Mutter sein könnte. Freilich sind sie an sehr unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben. Er experimentiert im Vorraum seiner eigentlichen Erwachsenenbiografie, die Hochzeit mit einer Gleichaltrigen steht bevor und findet statt (er muss erst einmal enttäuscht werden, das ist klar). Für Léa ist es der letzte Akt einer durch eigene Willens- und Self-Fashioning-Kraft hinausgeschobenen Jugend. Was nun folgen kann, zeichnet Colette mit schonungsloser Bösartigkeit. Grotesk geschminkte Greisinnen, die im Kontrast zwischen ihrem gewaltsam aufrechterhaltenen Selbstbild und den Blicken der Mitwelt (und denen Léas bzw. erst recht Colettes) nur lächerlich scheinen können.
Eine letzte Rückkehr Chéris, eine letzte Liebesnacht besiegeln die Unwiderruflichkeit des Wandels, der eingetreten ist: Trotz äußerster Sehnsucht kann Chéri in Léa nicht mehr sehen, was sie in ihr zu sehen ihm durch Verführung möglich gemacht hatte. Der Verkehr der Imaginationen ist zusammengebrochen, die Wiederaufnahme muss, weil der Wunsch und der Wille zu stark sichtbar geworden sind, scheitern. Was bleibt, ist der nüchterne Spiegel zwischen den Fenstern. Darin die alte Frau, die Fremde, die verrückte Kreatur, die Léa von Ronval von nun an für die Anderen und vor allem, das ist das Schlimme, auch für sich selbst ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen