Donnerstag, 14. November 2013

1933: Ignazio Silone: Fontamara (Italien)

"Man muß es wiederholen. Wenn man es nicht wiederholt, hat der Titel keinen Sinnen. Dann soll man ihn lieber fortlassen. Was tun? muss in jedem Artikel vorkommen. 'Man hat uns das Wasser gsetohen, was tun?' Versteht ihr? 'Der Priester weigert sich unsere Toten zu bestatten, was tun?' 'Im Namen des Gesetzes werden unsere Frauen vergewaltigt, was tun?' 'Don Circonstanza ist ein abgefeimter Schurke, was tun?'" Jetzt begriffen alle, was er meinte, und stimmten ihm zu. 

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 Was tun? Das ist schon die Antwort. Und zwar auf die Frage der Cafoni von Fontamara, wie sie ihre Zeitung nennen sollen: Wahrheit? Recht? Aber die Wahrheit kennt keiner, das Recht ist immer schon gegen sie. Also hat einer von ihnen Lenins Idee einer Antwort, die keine ist, dieser Antwort, die Fontamara zerstört, einer Antwort, die dann auch das letzte Wort des Romans ist: Was tun?

Fontamara ist zu Beginn, Ende der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Dorf in den Abruzzen, in dem die Zeit stillsteht. Lange schon. Die Bewohner kommen, geknechtet, von den Städtern verachtet, von den Behörden mit Steuern gedrückt, gerade so durch. Sie können lesen und schreiben, aber nicht alle. Die Regeln, nach denen sie leben, sind fest gefügt. Es kommt aber eine neue Zeit, was sie bringt, ist nicht gut: Mit fadenscheinigem Grund gräbt man dem Dorf das Wasser ab. Der Unternehmer ist ein skrupelloser Betrüger. Widerstand wird niederkartätscht.

Die neue Zeit, die Bewegung in die Wirtschaftskreisläufe bringt und die Tradition, das Dorf und die Menschen darin dadurch zerstört: Das ist der Faschismus. Ignazio Silone erzählt in "Fontamara" von seinem Aufstieg in der Peripherie. Er schickt zwei seiner Figuren von Fontamara nach Rom, wo ein Kommunist um sie wirbt. Glück bringt der Widerstand, der daraus erwächst, nicht. Das Schöne am Roman: Er bleibt äußerst konkret. Und er bleibt der Perspektive der Cafoni verhaftet. Ein Mann, seine Frau, dann der Sohn sind die Erzähler. Das weitere erzählt meine Frau, heißt es dann. Und nun mein Mann. Das ist von innen erzählt. Von außen kommen hier keine narrativen Instanzen, nur die politischen Aktivisten. Und von Fontamara bleibt nichts. Außer: Was tun?

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