Kunstprestige! Der Staat, dem er diente, war ein Agrarstaat. Die Stadt München, mitten in diesem Staat gelegen, war ihrer Struktur und ihrer Bevölkerung nach eine Siedlung mit stark bäuerlichem Einschlag. Das sollten seine Kollegen gefälligst bedenken.
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Ein Zeitroman, der künstlich Abstand schafft und diesen in der Besessenheit, mit der er am Stoff seiner Welt hängt, im selben Moment auf Null reduziert. Die Distanz, artifiziell: Die Fiktion, dass der Erzähler aus hundert Jahren ungefähr Abstand auf eine Vergangenheit blickt, die unter diesem Blick ameisenhaft geschäftig und fremd wird. Das Jahr 1923, München. Auf Aberhunderte Seiten vergrößert, en detail und en gros, kein Ameisenhaufen, sondern ein Typenzoo, jedes Tier ein Prachtexemplar seiner Art, wenngleich mit sehr viel mehr Hass als Liebe gemalt. Kein raunendes Beschwören in Vergangenheitsform, sondern ein fortgesetztes Voraugenstellen, Ganzdichtranzoomen, Amkragenpacken und in seiner ganzen faszinierenden Verschlagenheit Vorführen. Der Kern, Glutkern vielleicht: Das Krüger-Schicksal. Ein Mann, der als Museumsdirektor der Moderne zugetan ist. Darum muss er weg. Im Prozess wird er nach Meineid des Zeugen abgeurteilt, ins Gefängnis gesteckt. Um ihn, diesen Fall, diesen Skandal, der für so gut wie niemanden einer ist, entwirft Feuchtwanger sein Panorama.
Rundum geht der Blick. Fällt auf den Anwalt, eine unselige Kreatur, die aus dem Münchner Biotop herauswill, an einem unehelichen Sohn aufs Erbärmlichste hängt, und der zwar aus München herauskommt, aber sein inneres München nicht loswird; fällt auf den Keramikfabrikanten, der sein bisschen Mut zusammennimmt und wieder verliert; auf den Großunternehmer, der im Hintergrund die Fäden zieht, sicher aber nie irgendwo festlegt; auf Rupert Kutzner, ein deutlich erkennbares Abbild von Adolf Hitler, der den Aufstand probt und jämmerlich scheitert, aber der als die Schlägertype, nach der sich das ehrbare München sehnt, doch im Spiel bleibt; fällt auf den Großschriftsteller Jacques Tüverlin, in dem Feuchtwanger ein wenig sich, ein wenig auch Thomas Mann als Narzissfigur entwirft, und fällt auf den Komiker, dessen Eigensinn windelweich ist, ein wenig freundliches Valentin-Porträt.
Und so weiter im Rund, liebenswert keiner, oder nur eine: Johanna Krain, die Frau, die nicht auf einen Mann festgelegt ist, aber dem einstigen Geliebten Martin Krüger im Knast treu bleibt; ihn heiratet, dann aber den Schriftsteller Tüverlin liebt. Sie ist die einzige, die mit einer nicht immer erklärlichen Leidenschaft an der Gerechtigkeit hängt. Oder ihrer Idee, vielmehr dem Gefühl, das sie für diese Gerechtigkeit hat. Eine wie sie richtet die Dinge in einer Welt, die ganz aus dem Lot ist, sicher nicht ein. Das glaubt auch Feuchtwanger nicht, der an dieser Figur hängt wie diese am verratenen Krüger. Aber wie sie sich verbeißt, so verbeißt er sich. Nicht nur in sie, sondern in alle, das ganze Geschwerl, mit dem wohl ein bayerischer Staat, aber keine lebenswerte Gesellschaft, keine Demokratie und schon gar keine bessere Welt zu machen ist. Hier ist das Ganze das Falsche mit Johanna Krains Zorn der Gerechten darin. München hat Feuchtwanger gehasst für dieses gnadenlose Porträt. Zurecht. Er führt die Mechanismen eines Zynismus vor, dem er nicht eine Spur Utopisches entgegenzusetzen hat - auch nicht in der Brechtfigur des kommunistischen Kaspar Pröckl. Aber gerade der Verzicht auf eine positive Gegenvision lässt dann auch den Zynikern keine Ausrede übrig, weil umso deutlicher wird: Es muss nicht so sein, wie es ist; und alles ist besser als eine solche Gesellschaft.
Fast alles: Kutzner wird die Festung rasch wieder verlassen.
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