Montag, 18. November 2013

1934: Robert Graves: I, Claudius (Großbritannien)

Ten years, fifty days and three, 
Clau - Clau - Clau shall given be 
A gift that all desire but he.

To a fawning fellowship 
He shall stammer, cluck, and trip, 
Dribbling always with his lip.

But when he's dumb and no more here, 
Nineteen hundred years or near, 
Clau - Clau - Claudius shall speak clear. 

 ***

Live aus Rom: Tiberius Claudius Nero Germanicus. Der zukünftige Kaiser (und Gott) schreibt auf, wie es war. Dass er einmal Nachfolger Caligulas würde, hätte keiner gedacht, und einer hat es auch wirklich nicht gewollt, nämlich er selbst: Ich, Claudius, Stotterer, Bücherwurm, Verfasser von vielbändigen Schwarten zur etruskischen und römischen Geschichte (alle verloren, leider), einer, den man lieber versteckt als öffentlich vorzeigt. Es kam aber so, heimlich verfasst er diese Biografie und früh wird geweissagt, dass sie Jahrhunderte später das Licht der Welt erblicken wird. Und es geschah: Robert Graves verkündet das Kommen des Buchs, das er schreibt, im Buch, das er schreibt.

Nicht erst hier wird klar, wie wenig er um eine plausible Rekonstruktion der historischen Zeit bemüht ist. "I, Claudius" ist sowas von 1934 nach Christus. Ziemlich tongue-in-cheek in seiner runtergekochten Liebe zum Gossip. Die blutige Historie der frühen Kaiserzeit - nicht als Tragödie, sondern als Intrige und Farce. Eher aus dem Geist der bösartigen Apokolokyntosis (Verkürbissung), die Seneca nach Claudius' Tod auf ihn anonym schrieb, nicht des öffentlich vorgetragenen rühmenden Nachrufs, den Seneca unter seinem eigenen Namen verfasst hat: "Das letzte Wort, das ich unter Menschen von ihm hörte, nachdem er mehr Lärm mit dem Organ gemacht hatte, durch das ihn das Reden leichter ankam, war folgendes: 'Weh' mir, ich glaube, ich habe mich beschissen!' - Ob er das gemacht hat, weiß ich nicht; so viel ist gewiss, beschissen hat er alles."

Graves, der sich auskennt, klittert die Geschichte mit Freude. Eine vor allem hat er dabei im Visier: Livia, des Augustus dritte Ehefrau, Claudius' Großmutter. Von den Untaten, die Graves berichtet, schweigen die historischen Dokumente. Bei ihm ist Livia eine Giftmörderin vor dem Herrn, an manch aufrechten Römers Busen genährte Schlange, schlau, listig, skrupellos, weiß, was sie tut. Ist dabei gar nicht verrückt, anders als Caligula, dessen Wahn Graves auskostet, aber nicht über die Maßen. "I, Claudius" schlägt nämlich hier wie sonst nicht über die Stränge, ist überhaupt in seiner fröhlich-geistreichen middle-of-the-road-Geschichtsfabuliererei weitaus weniger römisch als britisch. Wer einmal römische Kaiserbiografien gelesen hat, wird da nicht unglücklich sein.

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