Dienstag, 1. Oktober 2013

1924: Dezső Kosztolányi: Pacsirta (Lerche; Ungarn)


His skin had crumpled like paper, and his face was as white as chalk. The extra weight he had put on at the King of Hungary over the last few days had vanished, together with the genial, ruddy glow on his face. Once again he was gaunt, sickly and pale, just as he had been when his daughter had departed.

***

Für eine Woche ist die Tochter, um die das Leben ihrer Eltern kreist, aus dem Haus. Ihr Kosename ist "Lerche", sie fährt aufs Land und schreibt, so hat man es von ihr verlangt, ein Telegramm nach ihrer glücklichen Ankunft. Ganz jung ist die Tochter nicht mehr, 35, erfährt man viel später; alt sind die Eltern, oder fühlen sich so. Ihr Leben ist geregelt, und zwar in der Weise, dass außerhalb des engen häuslichen Kreises wenig geschieht. In der Abwesenheit der Tochter aber geraten die Dinge aus dieser Ordnung. Sie geraten in eine Unordnung, in der die Eltern nicht recht wissen, wie ihnen geschieht. Zum Beispiel gehen sie essen, dort treffen sie Menschen, sie gehen ins Theater, eigentlich wollen sie nicht, aber sehr stark ist ihr Wille nicht. Die Tochter fehlt. Und ihr Fehlen befreit. Dass sie das ahnen, trübt den Genuss.

Akos Vajkay und seine Frau leben in der Provinz. Das Jahr ist 1899. Es gibt die Zeitung, das Theater, Promiskuität (die Frau des Richters), es gibt den jungen aufstrebenden Journalisten. Zwar stellt Dezsö Kostolanyi die Familie Vajkay ins Zentrum, Akos vor allem, aber unter der Hand macht er mit vielen anderen reputierlichen und nicht so reputierlichen Mitgliedern der kleinen Gesellschaft bekannt. Nach langen Jahren geht Akos am Donnerstag wieder in den Club, den er einst regelmäßig frequentierte. Man spielt Karten, man besäuft sich, nachts um drei kehrt der Mann heim zur Frau und beide betrachten sie da ihr Leben und die Tochter im nüchternsten Licht: Sie ist hässlich, sie wird nie einen Mann finden.

Dann kehrt sie heim. Der Zug hat Verspätung, die Eltern malen sich auf dem Bahnhof Katastrophen aus. Aber Katastrophen wären das geringste Problem. Die Tochter steigt aus, das Leben geht weiter, wie früher. Die Auszeit ist vorüber, ein kleiner Karneval, in dem die Dinge nicht auf den Kopf gestellt worden, nur ein wenig verrutscht sind. Schön war es auf dem Land, sagt die Tochter. Sie lügt. Alles in bester Ordnung, sagen die Eltern. Sie lügen, und sie wissen jetzt auch, dass sie es tun. In der Zeitung steht ein Gedicht. Die Tochter schluchzt, aber sie drückt ihr Gesicht ins Kissen. So hört man das Schluchzen nicht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen