Montag, 14. Oktober 2013

1926: Vladimir Nabokov: Mashenka (Russland/Exil)

As he walked he thought how his shade would wander from city to city, from screen to screen, how he would never know what sort of people would see it or how long it would roam round the world. And when he went to bed and listened to the trains passing through that cheerless house in which lived seven Russian lost shades, the whole of life seemed like a piece of film-making where heedless extras knew nothing of the picture in which they were taking part.

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Die Zimmer der kleinen Pension in Berlin sind nach den ersten Tagen des April durchnummeriert. Es wohnen hier unter der Hut der russischen Wirtin ausschließlich Sowjetexilanten. Zwei schwule Tänzer darunter, eine junge Frau, aber vor allem: zwei Männer, die eine andere, aber abwesende Frau verbindet. Die beiden, Lev Glebovich Ganin und Aleksey Ivanovich Alfyorov, sitzen zu Beginn des Romans miteinander im stehengebliebenen Aufzug im Dunkeln. Da ahnt aber Ganin noch nichts von Alfyorovs Ehe mit Mary, der Frau, die er, Ganin, in seiner Jugend in Russland einst liebte. Das Aufzugdrama ist schnell vorbei, später sieht Ganin ein Foto, erkennt - und erfährt, dass Alfyorov in wenigen Tagen Marys Ankunft erwartet.

In diesen Tagen vor dem Advent spielt der Roman. Ganin plant die Flucht mit der Frau, von der er wie selbstverständlich erwartet, dass sie nach wie vor ihn und keinen anderen liebt. (Es ging auseinander, aber man schrieb sich noch Briefe, zunächst.) Es ist in erster Linie ein Roman über die Durchdringung. Zunächst und naheliegender Weise der Durchdringung der Gegenwart des Exils mit der Erinnerung an die verlorene Heimat. Kapitellang sind diese gewiss nostalgischen, aber durch die Jugendliebe, um die es geht, auch ganz frischen Reminiszenzen. (Eine autobiografische Fiktion, der Nabokov selbst im Vorwort zur Übersetzung seine von Fiktionen nicht freie Autobiografie "Sprich, Erinnerung, sprich" zur Seite stellt.)

Halb expressionistisch, halb aber schöne Allegorie der nicht ganz dichten Wände zwischen Räumen und Zeiten sind auch wiederkehrende Fantasien - des Erzählers -, der die S-Bahn statt auf den Gleisen daneben fast widerstandslos durch das Haus selbst gleiten spürt und sieht. Ein leichtes Zittern, ein Gespenstisch- und Durchsichtigwerden. Ein großartiges Bild für die Existenz im Exil. Den alten Dichter, der sich nach Paris sehnt, aber in Berlin sterben muss, hätte es da fast nicht auch noch gebraucht.

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